Das dig_mit!-Projekt

Hintergrund / Warum dig_mit!?

Migrant*innen werden am Arbeitsmarkt zum Teil mehrfach diskriminiert – aufgrund ihrer (sozialen) Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, aufgrund ihrer Deutschkenntnisse oder ihres Akzents etc. Als Frauen* sehen sich Migrantinnen* mit weiteren Benachteiligungen konfrontiert.

„Integration“ wird im dominanten Diskurs als etwas definiert, das Migrant*innen zu erbringen haben. Qua Gesetz werden sie dazu verpflichtet, gewisse Erwartungen zu erfüllen, etwa die dominante Sprache zu erlernen und die dominanten „Werte“ zu verinnerlichen. Das zu erwerbende Sprach- und Wertewissen wird abgeprüft und zertifiziert; und diese Zertifikate dienen dann als notwendige Nachweise für Aufenthaltsberechtigungen. 
Deutschsprachkenntnisse und das sog. „Werte- und Orientierungswissen“ wurden also ins Aufenthaltsrecht inkorporiert und dienen somit als ein weiteres Instrument der Exklusion. 

In LEFÖ arbeiten wir u. a. mit Frauen*, die über wenig formale Bildung verfügen. Viele bildungsbenachteiligte Migrant*innen hatten nicht die Möglichkeit, die notwendigen Kompetenzen – in Bezug auf Lesen und Schreiben (Alphabetisierung), Lernstrategien, Digitalisierung – zu erwerben, die ihnen per Gesetz und am Arbeitsmarkt aber abverlangt werden.

Der Erwerb digitaler Kompetenzen ist ein weiterer Schritt, der Migrant*innen vermeintlich zur Teilnahme an der sog. „Aufnahmegesellschaft“ und ihrem Arbeitsmarkt befähigen soll. Die strukturellen Ungleichheiten setzen sich im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien fort. Migrant*innen sind im Zugang zu IKT weiteren Benachteiligungen ausgesetzt – aufgrund erforderter Kenntnisse der Dominanzsprache, im Falle von bildungsbenachteiligten Migrant*innen aufgrund von Schriftsprachkenntnissen, wegen erschwerten Zugangs zur „Infrastruktur“ (Geräte, Internet, Technik) etc. Dadurch wird ihnen eine gleichberechtigte Teilhabe an einer zunehmend digitalen Lebens- und Arbeitswelt verunmöglicht.

Migrant*innen arbeiten häufig in schlecht entlohnten Berufssparten und unter prekären Bedingungen. Der Zugang zu arbeitsrechtlichen Informationen wird ihnen jedoch wegen der oben genannten Gründe erschwert.


Es gibt also diese (und andere) Anforderungen, Verpflichtungen und Erwartungen, die es zu erfüllen gilt, all diese Kompetenzen, die Migrant*innen abverlangt werden – mit dem Versprechen, dass sie, wenn sie diesen nachkämen, sich ein Leben aufbauen und an der „Aufnahmegesellschaft“ teilhaben könnten. Jedoch ist und bleibt das eigentliche Problem die rassistische (und sexistische und klassistische) Gesellschaftsstruktur, die auch die Arbeitswelt kennzeichnet, und die ihnen vollen Zugang und die Möglichkeit einer gleichberechtigten Partizipation verweigert.


Migrant*innen wird hegemoniales Wissen in Form der dominanten Sprache sowie der dominanten Regeln und „Werte“ durch die dominante Gesellschaft und ihre Gesetzgebung auferlegt. Es wird definiert, was Wissen ist, oder welches Wissen nützlich und wertvoll ist und welches nicht. Ein anderes als dieses hegemoniale Wissen wird als nutz- und wertlos entwertet. 

Hinzu kommt, dass Materialien, Inhalte und Texte sowie der Wortschatz, anhand welcher, Migrant*innen die hegemoniale Sprache Deutsch erlernen und sog. Basisbildungskompetenzen erwerben sollen, häufig infantilisierend sind und eine genormte und normierende Sprache vermitteln wollen. Damit einher geht die Entmündigung der Lernenden. Die Infantilisierung ist Merkmal kolonialer Verhältnisse.
Außerdem sind Lernformate selten auf die Lernbedürfnisse und -voraussetzungen bildungsbenachteiligter Lerner*innen ausgelegt; dasselbe trifft auch auf Prüfungsformate zu.

Festzulegen, was Migrant*innen lernen sollen und welches Wissen sie erwerben sollen, impliziert zum einen, dass sie dieses Wissen nicht haben – und wenn sie es doch haben sollten, müssen sie das durch eine Zertifizierung beweisen – und zum anderen, dass andere Skills und anderes Wissen nicht gleichwertig oder im gleichen Maße wertvoll sind.
Migrant*innen werden also als defizitär betrachtet; es wird angenommen, ihnen würde etwas fehlen, weshalb sie folglich etwas zu kompensieren hätten.

Hinter dieser Betrachtungsweise steckt die neoliberale Verwertungs- und Leistungslogik, der zufolge der Wert eines Menschen nach seiner Leistung und Verwertbarkeit – im Falle von Migrant*innen ist „Ausbeutbarkeit“ wohl der akkuratere Begriff – am Arbeitsmarkt gemessen wird.
Der dominante Diskurs, der neoliberalen Selbstoptimierungslogik folgend, gibt – im Hinblick auf unsere Zielgruppe – vor, dass Migrant*innen, wenn sie doch nur besser Deutsch lernten, sich besser und mehr aus- und weiterbilden sowie ihre digitalen Skills ausbauen würden, wenn sie sich die notwendigen Informationen und das notwendige Wissen aneigneten,dass ihnen dann alle Türen offen stünden, dass also jede*r ihr*sein Schicksal selbst in der Hand hätte. Diese Logik individualisiert Scheitern und ignoriert dabei strukturelle Ungleichheitsverhältnisse.


In Anerkennung der Tatsache, dass der Arbeitsmarkt rassistisch strukturiert ist, und wir von spezifischen Bedingungen für Migrantinnen sprechen müssen, erscheint uns also zentral, folgendes im Blick zu behalten:

  • die Hierarchisierung von Wissen / hegemoniales Wissen,
  • die Verwertungslogik der neoliberalen Leistungsgesellschaft,
  • die an Migrant*innen gestellten Anforderungen 
  • und die Hürden, mit welchen sie sich konfrontiert sehen, wenn sie versuchen, an dem dominanzgesellschaftlich strukturierten System teilzuhaben.


Dennoch glauben wir, dass Migrant*innen das Recht haben, auf hegemoniales Wissen zuzugreifen, dieses zu erwerben und sich Fähigkeiten und Kompetenzen anzueignen, die ihnen dieses System und diese Strukturen, die wir hinterfragen müssen, abverlangen.

Um den Raum innerhalb der vorgegebenen Strukturen zu nutzen und zu gestalten und damit die Möglichkeiten von Migrant*innen im Zugang zum sowie am österreichischen Arbeitsmarkt zu erweitern, haben wir das dig_mit!-Projekt konzipiert.

Ausgehend von den an sie gestellten Erfordernissen, u.a. eines zunehmend digitalisierten Arbeitsmarktes, haben wir – unserem partizipativen Ansatz in der Bildungsarbeit entsprechend – versucht, die Zielgruppe von Anfang an in die Konzeption und Gestaltung miteinzubinden.

Bei der Konzeption und Umsetzung des Projektes war es uns wichtig, stets die strukturellen Benachteiligungen und Ungleichheitsverhältnisse nicht aus dem Blick zu verlieren – im Bewusstsein, dass es auch im Rahmen dieses Projekts nicht möglich sein wird, dieselben aufzubrechen. 


Zu den Prinzipien & Grundsätzen unserer Bildungsarbeit siehe u.a.:

Bildungsarbeit im Lernzentrum. Konzept | Prinzipien | Haltungen

Rechling, Daniela (2014). Wie kann man das Handlungsfeld DaZ beschreiben etc_Statement

Rechling, Daniela (2014). Grundsätze_Haltungen_Knappik, Magdalena und Rechling Daniela (2014). Theorie – Praxis… Im Dialog…


Das dig_mit!-Projekt

dig_mit! als Gesamtprojekt ist ein Angebot für am Arbeitsmarkt benachteiligte und prekär beschäftigte Migrantinnen*.

Ziel des Projekts war die Entwicklung eines Online-Space, der Arbeitnehmerinnen* /Frauen*/Migrantinnen*, die am Arbeitsmarkt z. T. mehrfach diskriminiert werden, zugutekommt. 

Um diesen Benachteiligungen entgegenzuwirken und der Zielgruppe den Zugang zur zunehmend digitalisierten Arbeitswelt zu erleichtern, wurde dieser Online-Space entwickelt, der auf die – durchaus diversen – Lern- und Informationsbedürfnisse, die deutsch-sprachlichen und digitalen Voraussetzungen und Kompetenzen der Zielgruppe abgestimmt ist. 

Diese Bedürfnisse und Interessen wurden – unserem partizipativen Ansatz entsprechend – mit der Zielgruppe im Rahmen von Entwicklungswerkstätten sowie im Rahmen des begleitenden dig_fit-Beratungsangebots erhoben.
Ausgehend von den artikulierten Wissenserweiterungs- und Informationsbedürfnissen der Zielgruppe wurden die thematischen Schwerpunktsetzungen sowohl für die Webpage als auch für die begleitenden Workshops zu Arbeitsrecht gewählt.


Die Partizipation der Zielgruppe war das leitende Prinzip in der Umsetzung des Projektvorhabens – von der Projektidee, über die Einbeziehung der Zielgruppe als Expertinnen* im Rahmen der Entwicklungswerkstätten sowie über den Wissenstransfer aus den und in die Beratungen und Workshops bis hin zu den Erprobungswerkstätten.
Ausgangspunkte sind also Wissensbestände, Informationsbedürfnisse, Lernziele, für die Zielgruppe relevante Themen sowie artikulierte Hürden und Problembereiche – im deutsch-sprachlichen, schrift-sprachliche, digitalen und arbeitsrechtlichen Kontext.
Die gemeinsame Gestaltung des Online-Spaces mit den Zielgruppen verstehen wir auch als Chance zur digitalen Raumaneignung – im Sinne der gesellschaftlichen Partizipation und Inklusion.


mobile first: Wichtig war es uns, die Seite so zu konzipieren und zu entwickeln, dass diese übers Smartphone gut nutzbar ist, da die Zielgruppe und somit voraussichtlich ein Großteil der künftigen Nutzer*innen nur über ein Smartphone, aber kein anderes internetfähiges Gerät verfügt.


Der Online-Space beinhaltet zwei zentrale Bereiche: Arbeitsrecht & Deutsch/Alpha.

Arbeitsrechtliche Informationen

Nutzer*innen gelangen über Bilder und eine Art Storymodus zu arbeitsrechtlichen Informationen, die in einfacher klarer Sprache aufgearbeitet wurden – mit dem Ziel, auch für Menschen, die nicht so gut Deutsch verstehen, niederschwellig zugänglich zu sein.
Aus der Evaluation der Entwicklungswerkstätten und der begleitenden Beratung haben sich acht Themenkomplexe herauskristallisiert:

  • Aufenthaltsrecht 
  • Arbeitssuche
  • Zeit & Geld
  • Schwangerschaft / Kinder
  • Aus- & Weiterbildung
  • Diskriminierung
  • Gesundheit
  • Alter / Pension

Ausgehend von diesen acht Themenkomplexen wurden dann die arbeitsrechtlichen Informationen strukturiert.


Übungen: Deutsch als Zweitsprache (DaZ) / Alphabetisierung

Zentraler Bestandteil ist auch ein digitaler Lern- und Übungsraum – zugeschnitten auf die Lernbedürfnisse bildungsbenachteiligter Lernerinnen* – eine Zielgruppe, die von den immer prekärer werdenden Arbeitsbedingungen besonders betroffen ist.
Dieser zielt auf die Erweiterung der Deutschkenntnisse der Nutzer*innen hinsichtlich des Themenkomplexes „Arbeit“ sowie ihrer Basisbildungs- und hier v.a. ihrer Schreibkompetenzen ab – durch einen niederschwelligen Zugang, methodisch über Basisbildungs- und Alphabetisierungsübungen, also mit Fokus auf Übungen für Nutzer*innen, die nicht so gut/schnell lesen und schreiben können, und ausgehend von audio-visuellem bzw. auditivem und kritischem Input.

Durch den Aufbau und die Erweiterung von Basisbildungs-, Deutsch- (u.a. Wortschatzerweiterung im Kontext von Arbeit etc.) und digitalen Kompetenzen soll der Zielgruppe der Zugang zur zunehmend digitalisierten Arbeitswelt erleichtert werden.

Auch die Themeninputs für die DaZ- und Alphabetisierungsübungen haben im weiteren Sinn die Vermittlung von Wissen zu Arbeitsrechten zum Ziel.

Im Sinne unseres mehrsprachigen Ansatzes in der Bildungsarbeit war es uns auch ein Anliegen, der Vielstimmigkeit Raum zu geben, indem auch Migrant*innen und Sprecher*innen „mit Akzent“ zu Wort kommen.

Die Online-Übungen wurden als freie Software entwickelt, das heißt, der Code kann kopiert und im Rahmen anderer Projekte verwendet und weiterentwickelt werden.

Außerdem werden Übungen zum Ausdrucken zur Verfügung gestellt, die in DaZ-/Basisbildungs- und Alphabetisierungskursen genutzt werden können.


Inhalte, Strukturierung und Usability des Online-Spaces wurden im Rahmen von Erprobungswerkstätten gemeinsam mit der Zielgruppe evaluiert und dementsprechend adaptiert.

Derzeit werden die arbeitsrechtlichen Infos weiter ausgearbeitet und die bereits programmierten und erprobten DaZ- und Alpha-Übungen angepasst.



Ausblick: dig_mit! 2.0



Kommentare, Feedback, Anmerkungen, Fragen, Ideen, Anregungen, Verbesserungsvorschläge bitte an: digmit@lefoe.at